Kunst & Knackig

#30 - Sex sells: Von Scham, Feigenblättern und verdeckten Geschlechtern

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In dieser Folge sprechen Saskia Wolf und Britta Kadolsky über ein Thema, das sich durch die gesamte Kunstgeschichte zieht: Das verdeckte Geschlecht. Ausgangspunkt ist die Frage, warum Nacktheit in der Kunst oft akzeptiert wird, das Geschlecht selbst jedoch verborgen bleiben muss. Feigenblätter, Lendentücher, Haare, Muscheln oder scheinbar zufällige Requisiten zeigen, wie Künstler:innen über Jahrhunderte kreative Wege fanden, die Zensur zu umgehen und zugleich Erotik anzudeuten.

Am Anfang steht ein radikaler Bruch: Gustave Courbets Gemälde L’Origine du monde von 1866. Zum ersten Mal zeigt ein Künstler das weibliche Geschlecht frontal und unverhüllt. Die Nahaufnahme einer Vulva ohne mythologischen Vorwand wird zum Skandal – und zugleich zu einem Wendepunkt. Das Bild bleibt über ein Jahrhundert lang weitgehend verborgen und entwickelt dadurch einen fast mythischen Status.

Von dort führt unser Blick zurück zu den Ursprüngen der Scham in der Kunst. In der Antike war die Darstellung von Nacktheit zwar selbstverständlich, doch auch hier gab es Idealisierungen. Das Geschlecht der Frau erscheint glatt und geschlossen, dasjenige des Mannes hingegen mit bewusst zurückhaltender Sexualität. Mit dem Christentum verändert sich der Umgang mit dem Körper grundlegend. Die Geschichte von Adam und Eva etabliert die Verbindung von Nacktheit und Scham – und liefert die symbolische Grundlage für das berühmte Feigenblatt.

Im Mittelpunkt steht anschliessend die kunsthistorische Figur der Venus pudica, der „schamhaften Venus“. Diese Pose – eine nackte Frau, die ihr Geschlecht mit der Hand verdeckt – geht auf die antike Aphrodite von Knidos zurück. Die Geste wirkt zunächst wie ein Schutz, lenkt den Blick jedoch genau auf das Verborgene. Künstler der Renaissance greifen dieses Motiv auf und entwickeln daraus raffinierte Bildstrategien.

Ein zentrales Beispiel ist Botticellis Geburt der Venus. Die Göttin steht nackt auf einer Muschel, ihr Haar und ihre Hand verdecken ihr Geschlecht. Die Darstellung verbindet idealisierte Schönheit mit subtiler Erotik. Ganz anders wirkt Tizians Venus von Urbino: Die Göttin liegt in einem privaten Innenraum, blickt den Betrachter direkt an und präsentiert ihren Körper selbstbewusst. Hier wird die mythologische Distanz aufgehoben. Die Nacktheit wirkt plötzlich viel unmittelbarer.

Édouard Manet treibt dieses Spiel im 19. Jahrhundert weiter. Seine Olympia zitiert Tizians Komposition, entfernt aber jede mythologische Tarnung. Die Figur wird als Pariser Prostituierte erkennbar. Der direkte Blick und die selbstbewusste Haltung der Frau sorgen für einen Skandal – weniger wegen der Nacktheit als wegen der sozialen Realität, die das Bild sichtbar macht.

Neben weiblichen Akten geht es auch um männliche Körper. Guido Renis Darstellung des Heiligen Sebastian zeigt einen idealisierten, beinahe androgynen Männerkörper. Restaurierungen belegen, dass der Schambereich später stärker übermalt wurde – ein konkretes Beispiel dafür, wie moralische Vorstellungen nachträglich in Kunstwerke eingreifen.

Ein weiteres berühmtes Beispiel ist Michelangelos David. Die Skulptur galt lange als Inbegriff des männlichen Aktes. Dennoch wurde sie in späteren Jahrhunderten zu bestimmten Anlässen mit einem abnehmbaren Feigenblatt ausgestattet, um die Genitalien zu verdecken. Auch in der Sixtinischen Kapelle wurden nach dem Konzil von Trient viele Figuren mit gemalten Tüchern versehen. Der Künstler Daniele da Volterra erhielt dafür den Spitznamen „Il Braghettone“, der Hosenmacher.

Die Folge zeigt: Die Geschichte der verdeckten Geschlechter erzählt weniger über Körper als über Macht, Moral und gesellschaftliche Regeln. Immer wieder wird neu verhandelt, wer nackt sein darf und wie - bis heute.

Besprochene Werke:

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